22. April - Vollgas vermummt!

Eine gefühlte Million Motorscooter, die in Schwärmen an uns vorbeiziehen, dazwischen Schulkinder auf Fahrrädern oder Elektrorollern und im Minutentakt ein Bus oder LKW, der uns mit seiner Echohupe fast von der Straße pustet, um uns dann in einer fetten Staub- und Abgaswolke nach Luft schnappen zu lassen. Willkommen in Vietnam! Bereits am zweiten Tag legten auch wir uns ein paar schmucke Atemschutzmasken zu, wie sie hier sehr verbreitet sind.

Motorroller sind in ganz Asien das Standarttransportmittel, allerdings treiben die Vietnamesen das zu einer gewissen Perfektion. So dienen die Scooter hier nicht nur als Beförderungsmittel für die gesamte Familie, sondern beispielsweise auch als Tiertransporter oder zum Einholen der Ernte ...

... und auch mit Fahrrädern lässt sich deutlich mehr transportieren, als man gemeinhin für möglich hält.

Unser erstes Ziel in Vietnam war Dien Bien Phu, laut unseres Reiseführers eines der Highlights des Landes. Historisch ist der Ort in der Tat bedeutsam, denn hier haben die Vietnamesen 1954 der damaligen Kolonialmacht Frankreich zu deren großer Überraschung ordentlich in den Hintern getreten und diese aus ihrem Land gekickt. Der Hügel, auf dem sich die Franzosen verschanzt hatten und der dann von den Vietnamesen untertunnelt und teilweise in die Luft gejagt wurde, ist so ziemlich die einzige Sehenswürdigkeit des Ortes und so waren wir insgesamt etwas enttäuscht.

Da wir vom Bergradeln gerade ein wenig arg genug hatten, beschlossen wir, zwei Tagesetappen in Richtung Küste per Bus zu überbrücken und ließen uns nach Son La bringen. Am nächsten Morgen beobachteten wir dort das interessante Markttreiben ...

..., bevor wir auf kleinen und ruhigen Sträßchen durch die nordvietnamesische Bergwelt strampelten.

Die Vietnamesen sind unheimlich freundliche Menschen, fast überall in den kleinen Ortschaften schallte uns ein herzliches "Hello!" entgegen. Und als wir uns bei einer Bergetappe ein wenig verschätzt hatten, half man uns im Kleinlaster über die letzten steilen Anstiege. Nachdem wir gut durchgeschüttelt oben angekommen waren, lud man uns sogar noch zu Tee und einem Bierchen ein - einer der vielen Momente, in denen wir es bedauerten, dass wir uns nicht ein wenig mehr mit den netten Menschen hier unterhalten konnten. Englisch spicht hier so gut wie niemand.

Im strömenden Regen radelten wir am nächsten Tag über einen Pass in das herrlich zwischen Bergen eingebettete Tal von Mai Chau. Patschnass, durchgefroren und hungrig kamen wir an und landeten eher zufällig im Ecohouse, einer der besten Unterkünfte, die wir bis dahin in Asien hatten. Ein richtig schönes Hotelzimmer mit geschmackvoller Einrichtung und einer Matratze die weder durchgelegen noch steinhart war und bei der man auch nicht jede einzelne Feder spürte. Die sympathische Chefin des Hauses war außerdem ständig besorgt, dass es einem auch wirklich gut ging. Zudem duftete es bei der Ankunft schon im ganzen Haus wunderbar nach dem feinen Abendessen, das in einer richtigen, sauberen Küche zubereitet wurde und das, wie das ebenso leckere Frühstück, im supergünstigen Preis inbegriffen war. Ein Traum!

Drei Tage lang ließen wir es uns hier gut gehen, wanderten oder radelten zwischen den Reisfeldern umher und beobachteten die Frauen bei ihrer mühsamen Arbeit.

Daneben gab es viel Kunsthandwerk und schöne Trachten zu bestaunen ...

... und auch der Markt lieferte einige interessante Einblicke.

Leider hatte sich das Wetter inzwischen in einem etwas tristen Dauergrau eingependelt und auch der Wetterbericht verhieß keine Besserung. Etwas schade, denn unsere nächste Etappe führte uns an fantastischen, kunstvoll angelegten Reisterrassen vorbei durch die Berge.

Zum tropischen Regenwald des Cuc Phuong Nationalparks passte das Wetter dagegen eigentlich recht gut. Fifty Shades of Green! Und ein kleines Sträßchen auf dem man 20 Kilometer hinein radeln konnte.

Für den anschließenden, ziemlich glitschigen 7 Kilometer Rundweg brauchten wir satte 4 Stunden, gab es doch soooo viele tolle Bäume zu fotographieren oder auch nur mal zum Relaxen...

... und mitten drin wieder einmal eine Höhle zum Selberentdecken.

Nur von den vielen Tieren, die im Park leben, ließ sich keines blicken, bis auf diesen Gecko, den gerade ein Hund vor unserem Hotel als Spielzeug entdeckt hatte. Wir retteten ihn aus seiner misslichen Lage und dafür ließ er sich bereitwillig fotographieren.

Weiter ging es zur trockenen Halong-Bucht, die so trocken gar nicht ist, wird sie doch von zahlreichen Flüssen durchzogen. Aber es gibt auch viele kleine Straßen und Wege, auf denen man durch die tollen Kalksteinformationen radeln kann.

Irgendwie waren wir von Anfang an skeptisch, ob uns eine überteuerte Bootsfahrt auf einem der Flüsse gefällt, die zum Standart-Touristenprogramm in Nordvietnam zählt. Aber wo wir nun schon einmal da waren, ließen auch wir uns mit der interessanten Fußrudertechnik durch die drei Höhlen und die idyllische Landschaft von Tam Coc rudern. Am Umkehrpunkt gab es dann eine witzige Schauspieleinlage unserer Ruderin, der es trotz des kühlen Wetters plötzlich furchtbar heiß war und die ganz arg durstig schien. Und ganz zufällig dockte gerade in diesem Moment eines der Verkaufsboote mit gnadenlos überteuerten Getränken und Keksen an unser Boot an. Sabine, die den Zusammenhang dieser beiden Ereignisse zunächst gar nicht erkannte, bot unserer "armen" durstigen Ruderfrau Wasser aus unserer Trinkflasche an. Als diese zu verstehen gab, dass sie Cola bevorzugen würde, erklärte Sabine ihr, dass das aber gar nicht gesund wäre und dass Wasser viel besser für sie sei. Und schon war sie gar nicht mehr so durstig ;-) Inzwischen stubste ich die immer aufdringlicher werdende Verkaufsbootsfrau mit einem freundlichen "bye bye" von unserem Boot weg - da musste sogar sie selber ein wenig schmunzeln. Immerhin half Sabine unserer geschwächten Bootsführerin auf der Rückfahrt ein wenig beim Rudern.
Etwa 50 Meter vor dem Ausstieg gab es dann Teil 2 der versuchten Touriabzocke, als mit "tip, tip" doch ungewöhnlich energisch ein Trinkgeld eingefordert wurde. Wir wiesen freundlich darauf hin, dass wir ja noch gar nicht da seien und halbierten gleich mal das angedachte Trinkgeld, wobei es uns im Nachhinein fast ein wenig ärgerte, dass wir überhaupt noch etwas gegeben hatten. Zumindest wurde uns wieder einmal bewusst, wie genial das Reisen mit Fahrrad ist, bei dem man meist weit weg von den Touristenhotspots nicht nur als wandelnder Geldbeutel angesehen wird.

Nach 120 feucht-schmutzigen Radlkilometern und einer vierstündigen Bootsfahrt hatten wir die Insel Cat-Ba erreicht und dort dank tiefster Nebensaison ein Zimmer mit Balkon und fantastischem Panoramablick ergattert.

Cat-Ba war für uns der Ausgangspunkt für eine Bootstour in die Halong-Bucht. Zunächst ging es an schwimmenden Fischerdörfern vorbei. Unglaublich, wie die Menschen hier auf dem Wasser leben, manche halten sogar Hunde als Haustier.

Dann ging es durch das Labyrinth aus teilweise skuril geformten Felsen der Halong-Bucht ...

... zum Ausgangspunkt einer kleinen Kanutour, bei der wir durch ein paar der natürlichen Tunnel paddelten.

Tags drauf rauschten wir mit 60 Sachen auf zwei Rädern locker den Berg hinauf und die grün bewaldeten Hügel von Cat Ba zogen in atemberaubenden Tempo an uns vorbei. Ein plötzlicher Konditionsschub? Leider nicht! Schon lange hatte Sabine hingebenzt, dass wir uns doch auch mal Motorroller ausleihen könnten und ich muss zugeben, dass es wirklich Spaß gemacht hat.

Unsere letzte Radletappe in Vietnam führte uns am roten Fluss entlang zu einem der ältesten Tempelanlagen ...

... und schließlich weiter nach Hanoi.

Hanoi ist Flash für die Sinne. Laut und chaotisch, aber genau das macht den Reiz aus. Man kann stundenlang in einem Straßencafe sitzen und dem Gewusel zuschauen. Tausende von hupenden Motorrollern und Hunderte von Verkäufern mit Tragekörben oder voll bepackten Fahrrädern - was immer man braucht, wenn man nur lange genug wartet, kommt es bestimmt irgendwann vorbei...

... und falls doch nicht, so findet man es bestimmt auf dem farbenfrohen Markt.

Was bei uns Gehsteige sind, dient hier als Geschirrspülplatz, zum Zerlegen von Tieren, zum Verkauf von was auch immer, als Motorrollerparkplatz und und und, aber jedenfalls nicht um sich zu Fuß fortzubewegen.

Radfahren ist da schon deutlich angenehmer: man sollte nur langsam fahren, nie aprupt bremsen und bloß keine hektischen Ausweichmanöver probieren, dann fließt alles wie ein riesiger Fischschwarm um einen herum.

Und wenn uns der ganze Trubel dann doch zu viel wurde, war es höchste Zeit bei einem Tässchen des herrlich dickflüssigen Vietnam-Kaffees mit ebenso dickflüssiger süßer Kondensmilch zu verschnaufen :-)

Ein halbes Jahr waren wir nun in Asien unterwegs, haben die Freundlichkeit und die Gastfreundschaft der Menschen genossen, tolle Landschaften bestaunt und fremde Kulturen kennengelernt. Wir hoffen, dass wir uns ein wenig von der laotischen Gelassenheit, der burmesischen Herzlichkeit, der vietnamesischen Emsigkeit sowie das thailändische Lächeln und die innere Ruhe der Nepalesen mit nach Hause nehmen können.
Nun freuen wir uns aber erst noch auf den letzten Abschnitt unserer langen Reise, der uns nach Australien führt.