29. November - Tempel, Trails und Tigerbalsam

Nachdem wir vom Everest-Trekking zurück gekehrt waren, hielten wir es eine ganze Woche lang in Kathmandus Freak Street aus. Am Ende hätten wir eine ziemlich vollständige Kritik über die umliegenden Restaurants schreiben können und noch ein wenig länger und sie hätten mir in unserem Lieblingscafe den sensationellen Wallnut-Brownie samt Himalaya-Cappucchino ohne Aufforderung gebracht.

Wir hatten aber auch einiges zu tun! Ausschlafen, duschen (wenn es gerade mal Wasser gab), unsere elektronischen Gadgets aufladen (wenn es gerade mal Strom gab), Kaffee und Brownies genießen, die Seele nachkommen lassen, die wohl noch irgendwo zwischen den Sieben- und Achttausendern fest hing, unserer Wäsche eine ordentliche Laundry gönnen (der freundliche Herr bei der Annahme tippte richtig: "Trekking?"), essen und damit den Kalorienstatus wieder aufstocken, ein wenig Website basteln, durch die engen Gassen todesmutig an einsturzgefährdeten und notdürftig mit Balken abgestützten Häusern vorbei schlendern (in diesem Teil der Stadt hat das Erdbeben doch deutliche Spuren hinterlassen), wieder ausschlafen ... ach ja, und dann wollten wir uns noch unsere Visa für Myanmar organisieren. Nichts leichter als das: die Adresse gegoogelt, ins GPS eingegeben und losgestapft, immer der Routing-Funktion folgend. Zumindest so lange, bis wir mitten im Gefängnisbezirk gelandet waren und uns einer der Wachleute relativ unmissverständlich klar machte, dass wir da nichts zu suchen haben. Also doch ein Taxi gegönnt und zielgenau zur gegoogelten Adresse gelotst, nur leider keine Spur von der Botschaft. Auch die Adresse im Reiseführer, die ganz in der Nähe liegt, erweist sich als Flop und ähnelt eher einer wilden Müllkippe. Zum Glück fanden wir einen netten Nepalesen, der tatsächlich wusste, wo die Botschaft ist und einen weiteren, der uns zum selben Ort schickte. Also weitere vier Kilometer in die nicht gerade anheimelnden Randbezirke Kathmandus gestapft...

...und tatsächlich: nach knapp vier Stunden um 12.30 Uhr standen wir vor der Botschaft von Myanmar und erfuhren dort, dass man Visaanträge bis 12 Uhr abgeben kann. Nachdem wir jedoch die Mitleid erregende Geschichte von unserer Odyssee vorgetragen und vier Dollar "Verspätungszuschlag" bezahlt hatten, erbarmte man sich doch noch. Fünf Tage später sollten unsere Visa fertig sein.

Um noch etwas Schönes zu sehen, wollen wir anschließend nach Patan, einst eine alte Königsstadt, inzwischen eher ein Stadtteil von Kathmandu. Der freundliche Wachmann der Botschaft winkt uns den richtigen Bus heran (Nicht-Nepalesen haben wohl keine Chance das Bussystem zu begreifen). Der Bus war rammelvoll, aber irgendwie wurden wir noch reingequetscht. Sehr authentisch! Und fast umsonst ;-)

Am Durbar Square von Patan mit seinem Königspalast und Tempeln angekommen, sind wir dann doch froh, wieder in etwas touristischerem Terrain zu sein und gönnen uns erst einmal Lunch und Lassi in einem der angrenzenden Rooftop-Restaurants.

Zumindest die Vorderseite des Königspalastes und ein großer Teil der Tempel hat das Erdbeben zum Glück einigermaßen gut überstanden.

Der schöne Goldene Tempel ganz in der Nähe ist sogar völlig unsbeschädigt und es ist spannend zu sehen, wie dort vor allem Frauen Blumen, Kerzen und andere Gaben vor den Statuen ablegen.

Den Kleinbus für den Heimweg konnten wir wieder nur mit Hilfe eines netten und geduldigen Nepalesen stoppen. In den passte zwar definitv niemand mehr hinein, aber es ist erstaunlich, wie viele Passagiere noch außen auf dem Trittbrett stehen können ...

Die Wartezeit für unsere Visa nutzten wir für ein wenig Sightseeing in Kathmandu. Auf einem Hügel liegt die Stupa Swayambhu, von Touristen auch "Affentempel" genannt. Neben Horden von Affen scheint dieser Ort auch eine starke Anziehungskraft für Bettler und Souvenierverkäufer zu haben, was den Weg die steilen Stufen hinauf etwas mühsam macht. Ist man endlich oben, hat man eine tolle Aussicht auf Kathmandu und auch die Stupa und ihre Gebetsmühlen sind schön anzuschauen, aber die besondere Stimmung, die man sonst oft in Klöstern spürt, findet man hier nicht. Ein wenig ist der Ort zu einer Touristenattraktion verkommen.

Zum Abholen unserer Visa beschlossen wir, uns mit den Fahrrädern in das Verkehrschaos von Kathmandu zu stürzen (wobei es ja wegen der Benzinkrise vermutlich noch relativ ruhig war). Spannende Sache! Der Verkehr hier und vermutlich fast überall in Asien gehorcht folgenden einfachen Regeln:

  1. Es gibt keine Regeln, zumindest keine, an die sich jemand hält.
  2. "Big is boss", und als Radfahrer steht man in dieser Hierarchie bestenfalls noch vor Fußgängern und streunenden Hunden.
  3. Alles fließt umeinander. Also niemals plötzlich stehen bleiben oder abrupt die Richtung wechseln. Fährt man in eine Kreuzung ein: Nie schauen, ob etwas kommt, einfach langsam einfahren, ruhig auch kurz auf der falschen Seite gegen den fließenden Verkehr.
    Ausnahme: Sehr lautes und energisches Hupen eines Busses oder LKW. Dann doch lieber schnelle Flucht in Richtung Straßengraben!
  4. Ganz wichtig: Immer hupen! (Sabines Fahrradklingel ist dabei allerdings nur wenig hilfreich.)

Nach dem ersten kleinen Training auf dem Weg zur Botschaft wagten wir uns dann mit Gepäck auf die Straßen, um noch ein wenig das Kathmandutal zu erkunden. Unser erstes Ziel war die alte Königsstadt Bhaktapur, die mit ihren Tempeln und den kunstvoll gestalteten Häusern zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Leider hat das Erdbeben hier ganze Arbeit geleistet. Überall sieht man noch Trümmerhaufen der eingestürzten Häuser und auch von einigen Tempeln steht nur noch der Sockel und davor ein Bild, wie es einmal ausgesehen hat. Zumindest einer der schönsten und größten Tempel hat das Beben unversehrt überstanden.

Nach Bhaktapur ließen wir den Großstadtlärm noch einmal hinter uns und radelten auf kleinen Wegen in die Berge am nödlichen Rand des Kathmandutals. Über den etwas heruntergekommenen Tempel von Changu Narayan, wo gerade ein Fest im Gange war,...

...ging es hinauf nach Nagarkot, einem der beliebtesten Aussichtsorte der Gegend. Leider war es recht diesig und so konnte man in der Ferne nur wenige der weißen Himalayariesen durch den Dunst spitzen sehen.

Am nächsten Morgen plagten wir uns auf extrem steilen Wegen noch ein wenig weiter hinauf. Belohnt wurden wir mit einer herrlichen Abfahrt: 10 Kilometer leicht abfallender und größtenteils flowiger Trail - mit Federung und ohne Gepäck wäre das genial gewesen. Mit Rücksicht auf unser Material mussten wir es zwar deutlich langsamer angehen, aber trotzdem tat es gut, mal wieder ein wenig "Mountainbike-Feeling" zu haben.

Zurück in Kathmandu quartierten wir uns in der Nähe der Boudha Stupa, des bedeutensten buddhistischen Heiligtums Nepals ein. Der obere Teil der riesigen Stupa ist leider beim Erdbeben komplett eingestürzt und sie gleicht nun eher einer Baustelle. Trotzdem wird sie von Pilgern im Uhrzeigersinn umkreist und der gesamte Platz verströmt eine sehr positive Aura. Einer unserer Lieblingsplätze in Kathmandu.

Nur 30 Gehminuten entfernt liegt Pashupatinath, eine der wichtigsten hinduistischen Tempelanlagen. Leider dürfen die Tempel selbst nur Hindus betreten, aber die gesamte Anlage ist auch so interessant.

Am Fluss werden hier den Toten öffentlich von den Angehörigen die Füße gewaschen, bevor sie auf einem bereits aufgeschichteten Scheiterhaufen verbrannt werden. Schon ganz anders als bei uns ...

Da wir unsere Radlboxen im Touristenviertel Thamel "geparkt" hatten, mussten wir dann noch für eine Nacht dorthin zurück. Da waren wir nun wieder zwischen Dutzenden von Trekkingläden mit ihren gefälschten Mammut-Daunenjacken, unzähligen Klangschalen- und Mandalashops und an jeder Ecke wollte uns jemand Tigerbalsam oder Marijuana andrehen. Ein richtiges Touristenghetto, allerdings inzwischen fast ohne Touristen. Und auch für uns wurde es Zeit, weiter zu ziehen, denn auch in Kathmandu wurden die Abende nun unangenehm kühl. Höchste Zeit für Hitze, Sonne, Strand und Meer in Malaysia und Thailand ...

Ach ja, da wäre noch unser nepalesisches Lieblingsessen zu erwähnen: Momos, kleine gefüllte Teigtaschen, hier einmal in der klassischen Variante als "steamed Veggi-Momos" und einmal in der kreativen Version, die wir leider erst am letzten Tag in Thamel (im sehr chilligen Restaurant "Places") entdeckt haben: frittierte Momos mit Kürbisfüllung und Schoko-Chili-Sauce. Lecker!!!

Einige unserer Lieblingsbilder von Nepal haben wir in der Galerie zusammengestellt.