20. November - Berge im XXL-Format

Kurz mussten wir schon den Atem anhalten, als wir in Lukla mit der kleinen Propellermaschine aufsetzten. Die Landebahn ist verdammt kurz und endet direkt vor einem Berg. Da ist man ziemlich froh, wenn man wieder festen Boden unter den Füßen hat.

Lukla ist der Ausgangsort für Solukhumbu, die Region nahe des Mount Everest und will man nicht einige Tage dorthin wandern, ist Fliegen die einzige Alternative. Nachdem wir gerade erst aus der Annapurnaregion zurückgekehrt waren, waren wir uns gar nicht mehr so sicher, ob wir schon wieder in die Höhe und die Kälte wollten. Zumindest glaubten wir, noch recht gut akklimatisiert zu sein. Schon am zweiten Tag wurden wir in Namche auf 3400m eines Besseren belehrt: Herzklopfen, Kopfschmerzen und schlechter Schlaf ließen uns die Höhe spüren, also ließen wir es die kommenden Tage wieder langsam angehen.

Der Weg nach Namche ist ein richtiger Trekking-Highway - hier muss fast jeder durch, der in die Everestregion will und auch die meisten Waren müssen vom Flughafen auf diesem Weg per Träger oder Yak weiter transportiert werden. Toll sind die riesigen Manisteine und die spektakulären Hängebrücken. Und einen ersten Blick auf den Gipfel des noch weit entfernten und etwas versteckten Everest kann man auch schon erhaschen.

Namche ist der Hauptort der Sherpa, jener Volksgruppe, die als Träger in dieser Bergregion einen fast schon legendären Ruf besitzt und es ist wirklich erstaunlich, was hier alles die Berge hinauf- und hinuntergeschleppt wird. Die Sherpa sind es auch, die Expeditionen zum Everest erst möglich machen und dabei für etwa 5000 Dollar ihr Leben riskieren. 2014 kam es dabei zu einem schweren Unfall, bei dem mehrere Sherpa ums Leben kamen. Als wir in Namche sind, wird auf einem Platz die Premiere des Films "Sherpa" gezeigt, der die Ereignisse um dieses Unglück aufarbeitet und den Wahnsinn des Everesttourismus beleuchtet - sehr packender und empfehlenswerter Dokumentarfilm, auch wenn die Außentemperaturen abends in Namche nicht gerade optimal für Freiluftkino waren.

Wir wollten zum Glück nur zur "Zehenspitze" des Everest und auch unsere Rucksäcke schleppten wir selber. Zunächst ging es jedoch in ein anderes Seitental, nach Gokyo. Schon nachdem wir den Hügel hinter Namche hochgestapft waren, hatten wir eine fantastische Aussicht auf die von Schnee und Gletschern bedeckten Himalayariesen. Wow! Und das sollte die nächsten zehn Tage auch so bleiben.

Leider zogen hier in den "tieferen" Regionen unter 4500m regelmäßig ab Mittag Wolken aus dem Tiefland hoch und so saßen wir die ersten Tage am Nachmittag oft im Nebel und damit auch in der Kälte.

Meist hatten wir uns da allerdings schon in einer der vielen schönen Lodges einquartiert. Nachdem wir oft die einzigen Gäste waren, hatten wir die Gelegenheit, uns länger mit den Besitzern zu unterhalten. Das Erdbeben hatte im Frühjahr erhebliche Schäden verursacht, in Namche und entlang des Weges gibt es immer noch zahlreiche zerstörte Häuser und fast überall wird gesägt und gehämmert. Die meisten Lodges sind aber schon wieder aufgebaut. Was fehlt sind - wie schon in der Annapurnaregion - die Touristen. Für die immer recht reichhaltige Speisekarte wird einmal pro Woche in Namche auf dem Markt eingekauft und dann alles hinaufgeschleppt, bestenfalls mit Hilfe von Yaks, meist aber auf dem Rücken bzw. mit einem Tragerieben auf dem Kopf.

Yaks sind die Hauptnutztiere der Region. Sie dienen als Tragetiere und liefern außerdem so tolle Dinge wie Yak-Dung, mit dem abends die Essensräume der Lodges beheizt werden, Yak-Wolle, Yak-Butter, Yak-Käse und Yak-Burger. Außerdem machen sie sich noch gut als Fotomotiv ...

Doch zurück zu unserem Trip: Am sechsten Tag erreichten wir auf 4800m Gokyo, das sehr schön am dritten von sechs herrlichen Seen der Region liegt. Zur Akklimatisierung stiegen wir noch ein wenig den Gokyo-Ri, einen 5300m hohen "Aussichtsberg" hinauf und weil das Wetter nachmittags klar blieb, nahm ich gleich noch den Gipfelsturm in Angriff und wurde mit einer fantastischen Aussicht auf die umliegenden Berge, den See und den Gletscher belohnt

Tags drauf wanderten wir am Gletscher entlang zum fünften See hinauf. Von der Gletschermoräne hat man dort einen tollen Blick auf die Everestkette und auch der See selber liegt wunderschön von gletscherbedeckten Bergen eingerahmt.

Von Gokyo aus wollten wir dann über den Pass Cho-La ins eigentliche "Everesttal". Ein kleines Problem war der Gletscher, den wir dazu durchqueren mussten, was uns ein wenig unheimlich war. Zum Glück trafen wir in unserer Lodge auf die drei netten Amerikaner Ken, Christopher und Conner, die mit Guide unterwegs waren und ebenfalls am nächsten Tag den Gletscher queren wollten. Zwei Französinnen, Perrine und Elsa, schlossen sich ebenfalls noch an und so machte sich unser Grüppchen am nächsten Morgen auf den Weg, der im Nachhinein auch ohne Guide problemlos zu finden gewesen wäre. Da wir uns alle recht gut verstanden, trafen wir uns an den kommenden Abenden immer wieder zu netten Gesprächen oder zum Kartenspiel.

Zum Cho-La starten wir noch im Dunkeln, da einige vereiste Abschnitte unangenehm glatt werden konnten, wenn sie antauten. Mit der aufgehenden Sonne stiegen wir langsam bis auf 5300m hinauf, den letzten Teil über ein steiles Geröllfeld und parallel zu einer recht lauten deutschen Reisegruppe.

Oben kamen uns ein paar Porter entgegen: Lustig zu beobachten, wie diese mit ihren schweren Körben, in Jeans und mit Turnschuhen wie menschgewordene Gamsböcke leichtfüßig von Stein zu Stein hüpften, während gleich daneben die Touris mit Tagesrucksack und Vollprofibergausstattung mit ihren Wanderstöcken vorsichtig den Berg hinauf- und hinunterstocherten.

Oben auf dem Pass trafen wir die Amerikaner und die Französinnen zum "Passfoto", hängten unsere Gebetsfähnchen auf, ...

... bevor es über den kleinen Gletscher zum aussichtsreichen Abstieg ging.

Und auch die folgenden Tage blieb das Panorama der Wahnsinn! Nach einem kleinen Abstecher zum See vor dem Arakam Tse...

... ging es an einem gewaltigen Gletscher das Everesttal hinauf.

Hier stiegen wir auf den Kala Patthar, mit 5550m den höchsten Berg unseres Trips, von dem aus man eine der besten Aussichten auf das"Dach der Welt" hat. Dick eingepackt in alles was wir an Klamotten aufzubieten hatten, trotzten wir hier oben dem eisigen Wind und der Sauerstoffarmut und konnten uns kaum sattsehen.

In der folgenden Nacht fror das Wasser in unseren Getränkeflaschen in unserem Zimmer ein (an die gefrorenen Fensterscheiben hatten wir uns ja schon gewöhnt ...). Und weil wir die Kälte gerade eh ein wenig Leid waren, stiegen wir etwas ab und gönnten uns in Dingboche auf "nur" noch 4400m nach 10 Tagen die erste warme Dusche (für satte 10 Dollar), einen Yak-Burger und eine Wäsche für unsere langsam doch recht geruchsintensiven Klamotten (unten: der vorher/nachher-Vergleich).

Einmal stiegen wir dann aber doch noch hinauf, nach Chukung und auf den ebenfalls 5550m hohen Chukung-Ri. Auch eine nette Aussicht ...

... mal ganz abgesehen von der tollen Stimmung zum Sonnenuntergang.

...und auch von unserem Zimmer hatten wir einen tollen Blick auf einen der schönsten Berge der Gegend, den Ama Dablam.

Mit großer Vorfreude auf Wärme und Sauerstoff ging es dann in drei Tagen auf dem "Everest-Highway" wieder hinab nach Lukla, wo wir alle Vorzüge eines supertouristischen Ortes nun wirklich zu schätzen wussten: feinsten Kuchen mit Latte Macchiato in einer gemütlichen Bäckerei mit free Wifi und Pizza zum Abendessen. Unseren Flug konnten wir auch um drei Tage vorverlegen. Allerdings war am nächsten Tag das Wetter etwas wechselhaft und so mussten wir sechs Stunden warten, bis wir schließlich am Nachmittag mit der letzten Sita-Air-Maschine starteten.

Tja und da sind wir nun mitten in Kathmandus "Altstadt" in der Freak-Street, wo bis in die 70-er hinein Hippies dem bis dahin legalen Marihuanakonsum frönten. Inzwischen ist die Gegend allerdings deutlich weniger touristisch als Thamel, wo wir ganz am Anfang waren und wo einem heute als Tourist an jeder Ecke illegal Marihuana angeboten wird. Hier haben wir nun noch eine gute Woche, um Kathmandu und das Kathmandutal zu erkunden und uns in den wunderbaren Cafes und Restaurants einige der verlorenen Kilos Körpergewicht wieder anzufuttern.