30. Oktober - Mit Freunden in eisigen Höhen

"Thank you for visiting Nepal", ruft uns ein junger Nepalese vom Motorrad aus zu, als er uns auf dem Weg nach Besisahar, dem Ausgangsort der Annapurnaumrundung, überholt. Dabei sind wir es doch, die dankbar sind, dass wir dieses wunderbare Land besuchen können. Nach den beiden schweren Erdbeben im Frühjahr diesen Jahres stand unsere Reise nach Nepal lange auf der Kippe. Da der Flug nach Kathmandu schon gebucht war, beschlossen wir, erst einmal abzuwarten. Das Auswärtige Amt riet bis zum Schluss von unnötigen Reisen nach Nepal ab, zahlreiche Veranstalter von Trekkingreisen wollten dagegen ihr Herbstprogramm im Annapurna- und Everestgebiet durchführen. Da wir also davon ausgehen konnten, dass zumindest die Versorgung auf den Trekkingrouten gewährleistet sein sollte, entschlossen wir uns, hinzufahren. Eine gute Entscheidung!

Beim Landeanflug und bei der Fahrt vom Flughafen zu unserem Hostel machte Kathmandu den Eindruck einer ganz normalen chaotischen asiatischen Großstadt. Nur bei genauerem Hinsehen entdeckte man an einigen Ecken noch die Trümmerreste von eingestürzten Häusern. Das Touristenviertel Thamel schien vom Beben sogar fast völlig verschont geblieben zu sein. Hier trafen wir uns mit unseren australischen Freunden Stephen und Catherine. Gemeinsam wollten wir in den kommenden Wochen das Annapurnamassiv umradeln.

Nachdem wir sämtliche Permits für das Annapurnagebiet erstanden hatten, machten wir eine erste kleine Sightseeingtour durch die Altstadt von Kathmandu und zum bekannten Durban Square. Hier waren die Folgen des Erdbebens noch deutlich zu sehen: Von einigen Tempeln steht nur noch das Fundament und die Trümmerhaufen mit kunstvollen Holzschnitzereien daneben warten nun wohl darauf, wieder aufgebaut zu werden. Fast alle anderen Tempel sind mit Balken abgestützt.

Aber trotz der deutlich sichtbaren Schäden ist viel von der einstigen Pracht erhalten geblieben.

Beim Schlendern durch die engen Gassen der Altstadt tauchten wir noch ein wenig ins nepalesische Leben ein: bunt, laut, chaotisch, nicht wirklich mit deutschen Hygienevorstellungen vereinbar, aber auf jeden Fall spannend.

Auf einer kleinen Odyssee durch die Trekkingläden von Thamel erfeilschten wir uns zwei warme Daunenjacken und einen Rucksack. Außerdem buchten wir einen Jeep, der uns samt Fahrrädern zum Startpunkt unserer Annapurnaumrundung bringen sollte. Das war gar nicht so einfach, denn aufgrund von Streitigkeiten über die neue Verfassung Nepals wurde bereits seit einiger Zeit kein Diesel und kein Gas mehr aus Indien geliefert und damit gab es inzwischen ein ernsthaftes "fuelproblem" mit endlosen Warteschlangen an meist geschlossenen Tankstellen und einem eingeschränkten Essensangebot in einigen Restaurants, die kein Gas zum Kochen mehr hatten.

Um so erleichterter waren wir, als uns der gebuchte Jeep püntlich abholte. Knapp 200 km ging es durch den anarchisch anmutenden nepalesischen Verkehr in das schöne Bergdorf Bandipur direkt vis-à-vis dem Annapurnamassiv.

Von einem nahe gelegenen Aussichtshügel hatten wir zum Sonnenuntergang und zum Sonnenaufgang einen fantastischen Blick auf die schneebedeckten Eisriesen des Himalaya.

Dann starteten wir unsere Annapurnaumrundung, zunächst noch 40 Kilometer gemütlich auf Asphalt bis Besisahar. Von dort gibt es, wie auch auf der anderen Seite des Annapurnamassivs inzwischen eine Jeeppiste, die bis auf über 3000 Meter führt und an einigen Stellen recht spektakulär in die Berge gesprengt wurde.

Was die ursprünglische Trekkingroute viel an Attraktivität gekostet hat, ist zum Radeln ideal - na ja, meistens jedenfalls. Wir erfahren am ersten Checkpoint, dass sich wegen des Erdbebens im Frühjahr und des aktuellen Fuelproblems zur Zeit (es ist Hochsaison) statt der sonst üblichen 250 Trekker nur täglich 50 auf den Trek begeben. Für die Besitzer der vielen schönen Lodges und Teahouses, die sich alle paar Kilometer auf dem Trek befinden, ist das ziemlich übel. Für uns war es gut: Wir mussten uns nie Sorgen machen, abends vielleicht kein Zimmer mehr zu finden und der Verkehr beschränkte sich auf wenige Jeeps am Tag.

Auf 3400 Metern machte sich dann die Höhe mit leichten Kopfschmerzen und Herzklopfen bemerkbar und so legten wir einen "Pausentag" ein, an dem wir zur Akklimatisierung zum auf 4600 m gelegenen Icelake wanderten.

Hier oben ist der Buddhismus tief verwurzelt, was sich in den vielen Stupas, den bunten Gebetsfahnen, den Manimauern aus kunstvoll gestalteten Steinplatten und den unzähligen Gebetsmühlen zeigt, die auch wir fleißig drehen, um das heilige Mantra "Om mani padme hum" in die Welt zu bringen.

Wenige Kilometer weiter, im schönen Manang, endet die Jeeppiste. Die kommenden Tage ging es auf dem Trekkingweg weiter hinauf - nun überwiegend schiebender- und tragenderweise. Selbst in dieser Höhe gibt es aber noch schöne Lodges, die einen mit Dal Bhat (der nepalesischen All-You-Can-Eat Variante aus Reis, Linsensuppe und Gemüsecurry), Momos (leckere gefüllte Teigtaschen) und Apple-Pie verwöhnen. Und das zu fast beschämend günstigen Preisen, muss doch alles mühsam von Trägern hier hinauf geschleppt werden. Auch die Zimmerpreise sind mit ein bis drei Dollar lächerlich gering.

Dann war der entscheidende Tag gekommen: es galt den 5419 Meter hohen Thorung La zu überwinden. Unsere Räder hatten wir am Abend vorher schon ein gutes Stück hinauf geschleppt, um am nächsten Tag etwas schneller aufsteigen zu können. Früh morgens um halb fünf standen wir auf und - es schneite :-(. Zwei Stunden später hatte sich das Wetter kaum gebessert, aber immerhin war es jetzt hell und so starteten wir trotzdem, da wir befürchteten, der Pass könnte sonst unpassierbar werden.

Ziemlich atemlos erreichten wir schließlich die Passhöhe und genau in diesem Moment rissen die Wolken für einen kurzen Augenblick auf. Ein echter Glücksmoment!

Selbst auf 5419m gibt es hier oben noch ein kleines Teahouse, in dem wir uns bei einer "Hot Lemon" aufwärmen konnten,...

... bevor es - warm eingepackt - auf den 1600m-Downhill nach Muktinath ging. Anfangs etwas viel Geröll und wegen des Schnees etwas rutschig, dann mit vielen schönen und teilweise pulsbeschleunigenden Spitzkehren und zum Schluss fast schon flowig. Yeah!!! (Möglich, dass Sabines Schilderung an dieser Stelle etwas abweichen würde ;-) )

In Muktinath waren wir froh, mal wieder so richtig durchschnaufen zu können. Und auch das Wetter war am nächsten Tag wieder wunderbar. So konnten wir bei Sonnenschein durch die herrliche Tempelanlage oberhalb des Ortes schlendern. Hindus und Buddhisten teilen sich diesen für beide Religionen bedeutsamen Pilgerort in vorbildlicher Eintracht.

Nachmittags wartete dann ein besonderes MTB-Schmankerl auf uns: In Kathmandu hatte uns die Besitzerin eines Radlladens den Lupra-Trail empfohlen. Zwar mussten wir zunächst nochmals einen Hügel hinauf, dafür gab es dann einen Singletrail vom Feinsten.

Mit vielen Glückshormonen im Blut rollten wir abends in Marpha ein, einem der schönsten Orte Nepals und bekannt für seine Apfelgärten. Zur leckeren nepalesischen Lasagne gab es Apfelsaft und Apfelcidre und als Dessert natürlich Applepie.

Am nächsten Morgen besichtigten wir noch das Kloster und zu unserem Glück ließ man uns sogar einen Blick in den Meditationsraum werfen.

Fast 2000 Höhenmeter tiefer standen wir einen Tag später vor einem Problem: Wir wollten nach der Umrundung noch mitten hineinwandern ins Annapurnagebiet, zum Annapurna-Base-Camp, kurz ABC. Um zu dessen Startpunkt zu radeln hätten wir das Gebiet, für das unsere Permits galten, kurzzeitig verlassen müssen. Nun hatten wir gelesen, dass die Permits beim Verlassen ungültig werden und das wurde uns bei einem der Checkpoints auch bestätigt. Für neue Permits hätten wir ins 40km entfernte Pokhara fahren und dann pro Person nochmals 40 Dollar berappen müssen :-(. Vor allem zeitlich war das kaum machbar. Einzige Alternative: Im Gebiet bleiben und die Räder samt Gepäck auf einem Wanderweg mit unzähligen Stufen über 2000 Höhenmeter hoch und wieder herunterschieben und -schleppen. Puh!

Sabine verkündete mir zum zweiten Mal auf dieser Tour, dass sie so etwas Anstrengendes nicht mehr machen möchte. "Ich auch nicht", dachte ich mir und schleppte das Fahrrad weiter hinauf.

Immerhin kamen wir auf diese Weise auch noch zum Sonnenaufgang auf den 3200 Meter hohen Aussichtshügel Poon Hill. Da dieser vergleichsweise einfach zu erreichen ist, muss man sich das tolle Panorama allerdings mit zahlreichen lärmenden Touristengruppen teilen.

Nach drei Tagen hatten wir es dann geschafft: Wir waren im schönen Bergdorf Ghandruk angekommen, wo wir unsere Räder in einem netten Hostel für die nächsten Tage parken durften, um uns zu Fuß weiter auf den Weg zum ABC auf 4100m zu machen.

Noch gut akklimatisiert schafften wir das recht flott und standen bereits am Morgen des dritten Tages im "Annapurna Sanctuary", einem wahrhaft göttlichen Amphietheater aus Sechs- und Siebentausendern und dem 8091 m hohen Annapurna I. Wow!!! Den ganzen Tag bestaunten wir dieses unglaubliche Bergpanorama.

Und am nächsten Morgen zum Sonneaufgang gleich noch einmal ...

..., bevor es Tausende von Stufen wieder hinunter ging. Es ist unglaublich, wie aufwändig die Wege hier angelegt sind.

Nach einem letzten Zwischenstopp im Aussichtsort Sarankot waren wir dann froh, uns am Phewa Lake in Pokhara wieder aufwärmen zu können und alle Annehmlichkeiten dieses supertouristischen Ortes zu genießen.

Per Bus ging es zurück nach Kathmandu. Morgen heißt es dann Abschied nehmen von Stephen und Catherine, die zurück nach Australien müssen. Auf uns warten dagegen noch ein paar richtig hohe Berge ...

Ach ja, und dann war da noch unser Zitat von einem Bayern bei der Ankunft am Flughafen in Kathmandu zu seiner Freundin, die sich über das Chaos bei der Gepäckausgabe echauffierte:

"Wann's so warad wia dahoam, nocha brauchat ma ned herfoarn!