28.September - An den Rand Europas

Nach gut 3400 Radlkilometern und über 30000 Höhenmetern sind wir in Istanbul angekommen. Während der Tour konnten wir erleben, wie sich die Landschaft, die Vegetation und die Mentalität der Menschen zum Rande Europas hin langsam verändern.

An jeder Grenze waren wir ein wenig gespannt, was uns im neuen Land erwartet: eine andere Sprache (wir lernten zumindest immer die Begrüßung und das Wort für "danke"), eine andere Währung (besonders wenn wir am Geldautomaten standen und mal wieder vergessen hatten, uns über den Wechselkurs zu informieren) und wie die Autofahrer auf uns Reiseradler Rücksicht nehmen würden. Montenegro war da recht einfach, denn es blieb beim "dobar dan" zur Begrüßung, zum Bezahlen konnten wir unsere Euros wieder herauskramen und auch die Autofahrer hielten brav Abstand und bremsten sogar für uns. Das "Monte" im Ländernamen macht auch schon unmissverständlich klar, was einen hier radlmäßig erwartet. Um so überraschter waren wir, als es zunächst entlang der herrlichen Bucht von Kotor flach dahin ging. Die schönen Küstenorte luden zudem zum Relaxen und Eisschlecken ein ...

... , so dass wir Kotor selbst, das am äußersten Zipfel der fjordartigen Bucht liegt, sehr gemütlich erreichten. Die Altstadt von Kotor, die zum Weltkulturerbe zählt, ist so gut hinter der etwas unscheinbaren Stadtmauer versteckt, dass Sabine zunächst recht enttäuscht war. Nachdem uns jedoch die Tourist-Info ein tolles Zimmer in einem der alten Adelshäuser vermittelt hatte und wir unsere Räder durch das Haupttor geschoben hatten, wurde uns klar, warum hier auch die fetten Kreuzfahrtschiffe halt machen.

Auf einem der kleinen Plätze ließen wir uns dann am Abend bei Kerzenlicht mit feinsten Lammkottlets, Pasta und Schokotörtli verwöhnen.

Die Kalorien konnten wir gut gebrauchen, denn am nächsten Tag war Schluss mit flach. Über 1000 Meter schraubte sich eine kleine Passstraße hinauf in die Berge, immer wieder mit fantastischen Ausblicken auf die Bucht.

Auch in den folgenden Tagen ging es hügelig weiter zum Skutarisee, der sich bis an die albanische Grenze erstreckt.

Als uns auf dieser Stecke das Wasser ausging, fragten wir in einer der winzigen Örtchen nach. Leider gehört fließendes Wasser in dieser Ecke Europas noch nicht zum Standard und so schickte man uns einige hundert Meter weiter zu einem Brunnen, aus dem wir uns das kostbare Nass per Eimer heraufzogen.

Schließlich erreichten wir die Grenze von Albanien. Albanien hat ja bei uns einen eher zweifelhaften Ruf. Immer wieder wurden wir gefragt, ob das denn nicht zu gefährlich sei oder ob wir keine Angst hätten, beklaut zu werden. Das Gegenteil war der Fall! Wir machten nur positive Erfahrungen: Die Albaner waren sehr freundlich und hilfsbereit, oft schenkte man uns sogar etwas Obst und nie fühlten wir uns unsicher. Überhaupt ist Albanien ein wunderbares Reiseland, mit sehr schönen Landschaften und dem wohl besten Preis-Leisungsverhältis in Europa.

Der erste Eindruck war allerdings nicht so positiv: Kurz nach der Grenze ist es ein wenig, als würde man über eine riesige Müllkippe radeln. Hat man jedoch die ersten Kilometer überstanden und die Hauptstraße verlassen, bessert sich die Lage deutlich.

Zufällig trafen wir Freunde von uns, die mit VW-Bus in Albanien unterwegs und nun auf dem Heimweg waren. Schön, so weit von daheim unerwartet bekannte Gesichter zu sehen und sich ein wenig über die Reiseerlebnisse auszutauschen.

Am ersten Abend erreichten wir die Lagune von Patok, fanden ein Hotel mit Meerblick, genossen zum Sonnenuntergang das wohlverdiente Bierchen ...

..., bevor wir uns in einer der kleinen Holzhüttchen über dem Meer den gegrillten frischen Fisch schmecken ließen.

Tags darauf kämpften wir uns durch den chaotischen Verkehr der Vororte nach Tirane. Die albanische Hauptstadt ist überraschend sauber und aufgeräumt, liegt schön von Bergen eingerahmt, hat kaum Sehenswürdigkeiten, dafür aber ein angenehm chilliges Stadtzentrum mit vielen netten Cafes.

Wir beschlossen, nicht den direkten Weg in Richtung Istanbul zu nehmen, sondern durch das ländliche Albanien weiter nach Süden zu fahren. Hier gehörten das Pferdegespann und der Eselwagen noch zu den ganz alltäglichen Transportmitteln.

Unser Ziel war Berat, die Stadt der "tausend aufeinandergestapelten Fenster", die mit ihren alten osmanischen Stadtvierteln ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Trotz neuer Hitzerekorde stiegen wir die steilen Gassen des Mangalemi-Viertels hinauf bis zur beeeindruckenden Burganlage, die auch heute noch bewohnt ist.

Beim Abendessen leistete uns dann eine gierig dreinblickende Gottesanbeterin Gesellschaft.

Weiter ging es entlang des Osum-Canyons ...

..., wobei die asphaltierte Straße irgendwann endet und nur eine Jeeppiste über die Berge weiterführt, auf der wir nach 25 Kilometern Plagerei den Fluss Vjosa erreichten ...

..., und in dessen herrlichen Badegumpen wir uns bei einem Bad erfrischen konnten.

Am Ende des Vjosa-Tales campierten wir beim Restaurant der Familie von Dimitri, der mit seinen 14 Jahren schon ausgesprochen gut Englisch spricht. Er erzählt uns, dass er Arzt werden möchte, auch wenn dieser Weg schwieriger sei. Er vergleicht dies mit dem härteren Weg, den wir mit den Fahrrädern gewählt haben, auf dem wir aber viel mehr erleben würden als "gewöhnliche" Touristen mit dem Auto. Wir sind beeindruckt!

Auf unserem "harten Weg" ging es am nächsten Tag über 100 Kilometer und viele Höhenmeter auf einem ruhigen Stäßchen durch die Bergwelt im Osten Albaniens ...

..., vorbei an "schönen" Bergdörfern und Überbleibseln aus der kommunistischen Ära des Landes ...

... bis nach Korca, einem netten Städtchen mit vielen feinen Restaurants und Cafes - der ideale Ort um einen Tag auszuspannen und noch einmal die günstigen albanischen Preise zu genießen :-). Und außer der schönen orthodoxen Kathedrale gab es auch keine Sehenswürdigkeiten, die uns davon abhalten konnten.

Griechenland war dann für uns zunächst eher ein Transitland, in dem wir möglichst schnell Richtung Istanbul vorankommen wollten.

Eine schöne Abwechslung bot der spektakuläre Wasserfall in Edessa, bei dem wir eher zufällig vorbeikamen.

Ansonsten radelten wir die Strecke bis Thessaloniki überwiegend auf dem Seitenstreifen größerer Hauptstraßen. Erst ab der Halbinsel Chalkidiki (die mit den drei Fingern) gingen wir es wieder gemütlicher an und genossen ein wenig das Strandleben. Inzwischen war schon tiefste Nachsaison, was die Auswahl des ultimativ besten Zeltplatzes deutlich erschwerte. Auch in Bayern begann die Schule wieder und wir legten mit einem Grinsen im Gesicht einen Gedenktag ein ;-)

In der schönen Hafenstadt Kavala ließen wir uns den Radlabend-Drink bei toller Aussicht schmecken ...

... und besichtigten tags darauf die Burg und den Aquädukt.

Wir überlegten kurz, ob wir mit der Fähre über Lesbos in die Türkei reisen. Da jedoch die Flüchtlingskrise dort gerade ihren Höhepunkt erreicht hat, verwerfen wir diesen Plan und radeln weiter an der griechischen Küste entlang. Keine schlechte Entscheidung, denn in den kleinen Dörflein im Nordosten Griechenlands scheinen die Uhren langsamer zu ticken und zudem gab es die besten Frappés.

Der Grenzübertritt in die Türkei war dann spannend: Weil griechische Bauern mit ihren Traktoren die Grenze blockierten, ging dort für den normalen Verkehr nichts mehr. Wir mogelten uns zwischen den wartenden LKW vorbei, mussten den türkischen Grenzbeamten dreimal unsere Pässe vorzeigen und schwupps waren wir drin und hatten die gesamte Autobahn für uns alleine.

Nachdem unser erster Versuch, auf eine der wenigen Nebenstraßen auszuweichen, auf einer mühsamen Schotterpiste endete, war Sabine nicht mehr von dem meist frisch geteerten Seitenstreifen der türkischen Autobahnen weg zu bewegen. Was einem in Deutschland eine Erwähnung in den Verkehrsnachrichten und ein ordentliches Bußgeld einbrächte ist hier zum Glück kein Problem.

Um zumindest die endlosen und vollen Vorstadtstraßen der 20 Millionenmetropole Istanbul zu vermeiden, radelten wir auf der südlichen Seite des Maramarameeres nach Bandirma und ließen und dann mit der Fähre direkt ins Zentrum von Istanbul schippern.

Dort warteten bereits Sabines Mami und meine Zweitmami Evi in einer super Ferienwohnung mit Bosporusblick auf uns. Beim Anblick unsers "abgemagerten Zustandes" beschlossen die beiden sofort, uns in ihr Lieblingsrestaurant auszuführen und uns erst mal wieder "aufzupäppeln".

Das lassen wir uns jetzt gerne zwei Wochen lang gefallen, denn so lange wollen wir in dieser unglaublichen Stadt bleiben, um uns dann weiter in das nächste Abenteuer "Nepal" zu stürzen.

Weitere Fotos gibt es in der Galerie.