Kirgisistan - 9.8. bis 7.9.2013


Dieses "-stan" im Landesnamen war es, was so manchen stutzen ließ, als wir unser diesjähriges Reiseziel bekannt gaben. "Ist das nicht gefährlich da unten?" Tatsächlich trafen wir auch bei dieser Reise wieder nur auf sehr freundliche Leute und auf ein von wunderschöner Landschaft geprägtes Land. So gabelte uns bereits am Ende des anstrengenden ersten Tages Timur auf, ein Student aus Stuttgart, der gerade auf "Heimaturlaub" war. Seine Mutter bekochte uns fürstlich und wir brauchten noch kein Zelt aufzuschlagen.


Unsere Reiseroute führte uns zuerst von Bishkek über den Tuz-Ashu Pass (3586m) Richtung Süden zum Toktokulsee. Von der Passhöhe aus hatte man einen atemberaubenden Blick auf die weite Landschaft und bald pedalten wir an den ersten Pferdeherden und Jurte-Dörfern vorbei. Überall am Straßenrand wurden Kumys (gegorene Stutenmilch) und Kurt (kleine Hartkäsekugeln) angeboten.


Noch war die Versorgungslage kein Problem und so "verkniffen" wir uns erst einmal den Einkauf solcher exotischer Dinge. Obwohl wir zu Hause versucht hatten, wenigsten ein bisschen Russisch zu lernen, konnten wir uns in Restaurants trotzdem lediglich mit Zeichensprache und mit Hilfe von Bildern der dargebotenen Speisen verständigen.
Am See versteckten wir unser Zelt mitten in den Büschen, und dennoch wurden wir von mehreren Einheimischen entdeckt. Trotzdem wollte uns keiner "Böses" und so genossen wir die grandiose Landschaft und ein "Pivo" (Bierchen). Dieses Wort kannten wir seit unserem letzen Hotelaufenthalt in Toktogul, wo es frisch gezapftes Bier gab. Seitdem gehörte pivo zu unserem Hauptwortschatz ;-)!
"And then there were four!", schrieb Stephen unser australischer Freund auf seinem Blog, nachdem wir ihn und seine Freundin Cathrin in Karakol, südlich des Toktogulsees getroffen hatten. Von nun an waren wir zu viert unterwegs und radelten bald auf einer abenteuerlichen Route Richtung Osten. Das nächste Ziel war der Songkul. Sechs Tage benötigten wir für die knapp 160 km! Das auf unserer Landkarte eingezeichnete gelbe Sträßchen entpuppte sich im Laufe der Zeit tatsächlich als "Challange",  wie es ein polnischer Radfahrer, der uns entgegen gekommen war, bezeichnet hatte. Er sollte damit Recht behalten!

Endlich war der letzte Pass geschafft! Jetzt waren "nur" noch ein paar Flussdurchquerungen und steile Passagen entlang eines wilden Flusses zu meistern, dann sahen wir endlich wieder Zivilisation.


Unsere Packtaschen enthielten nicht mehr viel Essbares und so waren wir froh, als wir im ersten Dorf von zwei jungen Kirgisen aufgegabelt wurden. Sie luden uns ein, bei ihnen zu Hause zu essen, denn einen Laden gab es hier nicht. Als wir wenigstens einen kleinen Beitrag zahlten, gab man uns gleich noch reichlich Proviant mit auf den Weg. Erst am nächsten Tag konnten wir in einem kleinen Supermarkt mit überschaubarem Angebot unsere Kalorienreserven aufstocken, um dann in Chaek ein paar Tage zu pausieren. Jippie: nach sechs Tagen "Flusswäsche" gab es hier auch endlich wieder eine warme Dusche, welch ein Luxus!


Auf dem Weiterweg Richtung Songkul, einem auf 3016m Höhe gelegenen See, beeindruckten uns vor allem die kirgisischen Friedhöfe mit ihren Mausoleen und die Moscheen.


Natürlich nahmen wir nicht etwa den einfachen Weg zum Songkul, sondern den direkt von Norden kommenden und daher steileren und unwegsameren, aber landschaftlich bestimmt reizvolleren! Oben am Pass angekommen feierten wir uns wie Helden und genossen den Ausblick auf den See!



Umgeben ist der See von weitläufigem Weideland, das seit Jahrhunderten von den Nomaden für ihre Pferde und Schafe genutzt wird. Hier oben gibt es nirgendwo Restaurants, Bars oder Geschäfte. Mit etwas Glück kann man jedoch von den Nomadenfrauen frisch gebackenes Brot erwerben.


Mit einer Länge von 29km und einer Breite von 18km ist der Song Köl der zweitgrößte See in Kirgisistan. Er eignet sich mit seinen rund 11°C nur bedingt zum Baden, trotzdem zog es jeden von uns als erstes hinein, musste doch der letzte an diesem Tag abspülen! Angesichts des wohl schönsten Zeltplatzes während dieses Urlaubes war das aber halb so schlimm ...

Wir hatten unglaubliches Glück mit dem Wetter und so war es ein Genuss, entlang des Sees zu radeln. Irgenwie schienen dann alle Wege weiter nach Naryn zu führen, unserem nächsten Zielort. Aber wenn man Serpentinen runterradelte, musste man danach auch wieder an Höhe gewinnen...



Man unterbricht seine Reise in Naryn, 1868 als russische Garnisionsstadt gegründet, nicht wegen seiner Attraktivität, sondern weil es der beste Ausgangspunkt für den Weiterweg zum Issyk-Kul über den Tosor-Pass ist. So steht es zumindest in unserem Reiseführer. Tatsächlich hinterließ das frühere sowjetische Vorzeigehotel einen desaströsen Eindruck bei uns und auch die Plattenbauten animierten nicht gerade zu einem längeren Aufenthalt. Im Celestial Mountains Gästehaus ließ es sich jedoch eine Zeit lang aushalten und Kraft tanken. Auch die größte Sehenswürdigkeit, die Moschee, besichtigten wir natürlich..
 
Wieder einmal entschieden wir uns für eine "kleine, gelbe" Straße auf der Landkarte, wohlwissend, dass diese beschwerlich und einsam werden würde.
Doch unverhofft kommt oft. Als wir am ersten Abend zum Kochen anfangen wollten (wir hatten den ganzen Tag keine fünf Autos gesehen) bremste plötzlich ein Auto neben uns, vier Kirgisen hüpften raus, boten uns Wodka und kalten Braten an, blieben fünf Minuten und verabschiedeten sich genauso schnell wieder, wie sie aufgetaucht waren.
Nachdem es am nächsten Tag regnete, blieben wir einfach im Zelt und brauchten am Vormittag schon einige unserer Vorräte auf. Zum Glück kam auf dem Weg zum Tosor-Pass noch eine kleine Versorgungsstation, bei der wir besonders unseren Keksvorrat wieder aufstocken konnten!
Die Fahrt über den Tosorpass belohnte durch unzählige Naturwunder, herrliche Landschaft und traumhaftes Abend- und Morgenlicht. Und wem es in der Früh zu kalt war, der stellte sich schon mal in die Sonne und schlürfte dort den allmorgendlichen Kaffee, den uns Stephen immer zubereitete.


Die Passhöhe erkämpften wir uns hart, aber auch die Abfahrt zum Issyk-Kul, dem größten See Kirgisistans, war nicht minder schwer. Nach vier Tagen erreichten wir den See im Abendlicht.

In Karakol, der größten Stadt am Issyk Kul deckten wir uns nochmals mit viel Proviant ein für unser vermeintlich letztes Abenteuer. Denn von hier aus wollten wir eine abenteuerliche Route nach Südosten über den Echkili-Tash Pass radeln. Diese Strecke hätte uns sogar kurz nach Kasachstan hinein geführt. Gut gestärkt und mit vollen Packtaschen starteten wir schließlich früh, um schon bald jäh gestoppt zu werden. Da die Grenzpolizei kein Englisch und wir kein Russisch konnten, erfuhren wir erst zurück in Karakol, dass in dem Gebiet, in das wir wollten, die Pest ausgebrochen war. Kurzerhand änderten wir unsere Pläne und radelten am Nordufer des Sees nach Bishkek zurück. So kamen wir wenigsten noch einmal in den Genuss, ins kühle Nass zu springen.


Wir hatten auf den einsamen Sträßchen schon fast vergessen, dass in Kirkisistan auch Autos fahren und so mussten wir uns erst einmal wieder an den Verkehr gewöhnen, der immer mehr zunahm. Doch auf dem Ala-Too-Platz reichte der Platz sogar für einen "Freuden-Wheele", trotz der vielen Menschen, die den Nationalfeiertag begingen. Stephen und Cathrin beneideten uns, dass wir wie immer zum Flughafen radeln konnten, denn sie mussten ihre Räder zum Rückflug wieder in Kartons verpacken.

Eine Odysse nach Hause: Diese begann am Check-In-Schalter, denn dort bestand man darauf, dass auch wir unsere Fahrräder einpacken sollten. Also Folie raus und einpacken.
Wegen Nebel konnten wir dann nicht in Sankt Petersburg zwischenlanden, sondern machten zunächste einen Umweg über Tallin. Mehrere Stunden später ging es dann endlich doch nach Sankt Petersburg, aber dort hatten wir natürlich den Anschlussflug nach München verpasst. Wir ergatterten aber einen Sitzplatz in einer Maschine nach Frankfurt. Dort wurden wir zwar nicht wie versprochen weiter nach München gefahren, aber dafür durften wir eine Nacht auf Kosten der Fluggesellschaft im Steigenberger-Hotel verbringen und uns am Frühstücksbüffet so richtig satt schlemmen :-D!!! Ein gelungener Abschluss.
Als die Dame an der Rezeption am nächsten Morgen fragte, ob der Aufenthalt zu unserer Zufriedenheit war, dachte ich an die unzähligen Zeltübernachtungen und bejahte lächelnd.